Wie alles begann ...

Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich von den zwei Kindern am Flughafen in Chiang Mai abgeholt wurde.

 

Ich habe Joy´s house über einen Reiseführer gefunden und wusste intuitiv – da muss ich hin. Dieses Bauchgefühl wurde mir mit dem Lächeln der beiden im Gesicht als sie mich begrüßten bestätigt.

Ich kam an einen Ort, den ich bereits beim Welcome-Dinner als Familienort wahrnahm. Die Leitung dieser Institution selbst setzte sich zu mir an den Tisch und wir tauschten uns aus. Sie informierte mich direkt über das Programm der nächsten Tage und bot mir an, auch mit auf "die Farm" zu fahren, das Zuhause der Kinder. Ich habe nicht mal eine Sekunde überlegt und schon saß ich am nächsten Tag auf der Ladefläche eines Trucks auf den Weg in den Dschungel, außerhalb von Chiang Mai. 

 

Wir wurden an einem Weg abgesetzt und gingen einige Minuten zu Fuß, um uns einen Eindruck vom gesamten Gelände zu machen. Es war ein unglaubliches Erlebnis zu sehen, wie man sich im Norden Thailands selbst versorgen kann und welche Vielfalt an Früchten und Gemüse man anbauen kann. An diesem Tag habe ich meine erste ungeröstete Kaffeebohne in Händen gehalten und sogar gekostet. Die Erinnerung an das süße und gleichzeitig bittere Geschmackserlebnis, zaubert mir heute noch ein Gänsehaut über den ganzen Körper. All diese Felder die wir sahen, werden von der Foundation bepflanzt, gepflegt und geerntet, um die Kinder so gut als möglich darüber zu lehren und sie zu versorgen. 

 

Als nächstes kamen wir zu einem Schild, das mir aus dem Herzen sprach und ich fühlte mich endgültig angekommen. 

 

 

Nach ein paar Minuten erreichten wir die ersten Gebäude. Sehr einfach gebaut, bieten sie den Kindern ein Dach über dem Kopf. Als nächstes erblickte ich ein Blechdach mit 4 Säulen und einem Schild auf dem da stand „classroom“. Das war der erste Moment in dem ich verstand, welch einen Segen ich genoss und wo ich wirklich aufgewachsen bin.

Es machte mich demütig und auch nachdenklich.

 

Jetzt machten wir uns auf den Weg in die Küche des Gebäudes von all die Kinder auf uns warteten, denn heute stand "Cupcake backen" am Tagesprogramm.  Man konnte das fröhliche Geplapper, Geschrei und Gejauchze bereits von draußen wahrnehmen. Als wir den Raum betraten sah ich Kinder, die gerade am Essen waren und sich den Bauch mit einer köstlichen Thaisuppe vollschlugen. Als sie wahrnahmen das wir angekommen seien, wurde es hektisch. Alle sprangen auf, rannten auf uns zu und stellten sich in einer Reihe auf um uns nach der Reihe zu begrüßen, teils auch stürmisch zu umarmen und uns deren Namen zu verraten. Ich war überwältigt und konnte mir keinen schöneren Ort vorstellen, an dem ich genau in diesem Moment sein wollte.

 

Bereits auf der Fahrt zur Farm wurde uns erzählt, dass wir ein kleines Mädchen antreffen werden, dass eine Hautkrankheit hat und deswegen ihr ganzer Körper voller Schuppen überseht ist. Ihre Haut leicht bricht und sie ständig ins Krankenhaus muss, um immer wieder untersucht und versorgt zu werden. Ihre Herkunft ist aus einem Bergdorf, indem sie ihr diese Versorgung nicht ermöglichen könnten und somit hätte sie wenig Chancen gehabt schmerzfrei zu leben. Vor allem baten sie uns darum nicht komisch auf sie zu reagieren, da die Kindern auch ab und an Probleme mit ihr haben. Ich habe sie gesehen und mich sofort verliebt. Sie war diejenige die ihren Namen am Lautesten ausgesprochen hat und ich würde schon fast sagen herausgeschrien und beim Cupcake verzieren saß sie auf meinem Schoß und machte mir sehr stark klar, dass sie lieber den grünen als den blauen Zuckerguss haben möchte.

 

Ein Mädchen, das es in ihrem bisherigen Leben nicht einfach hatte und doch so einen starken Charakter  es war für mich pure Bewunderung und große Demut.

 

Am Nachmittag ging es zum Fußballspielen auf das Feld nahe der Farm und nachdem ich erzählt hatte was ich so jeden Tag mache, musste ich auch unzähligen Barbiepuppen die Haare flechten und natürlich auch den Kindern (zumindest denen, die mutig genug waren). Als die Kinder so am Feld liefen begann ich ihre Frisuren bewusster wahrzunehmen und konnte die ein oder andere abenteuerliche Stirnpartie entdecken. Ich war so in meinem europäischen Wohlstandsdenken verankert, dass ich sogleich fragte: „

 

Oh mein Gott, wer schneidet diesen Kindern bloß die Haare“

und bekam darauf die Antwort:

"Lisa, wir können froh sein, dass sie ein Dach über dem Kopf haben und vor allem was zu Essen, sie schneiden sich die Haare selbst.“

 

Das war mein Schlüsselmoment indem ich entschied, wenn ich wiederkomme möchte ich mit Ihnen das Geschenk meines Handwerks teilen. Um sich gegenseitig Freude zu machen, oder um vielleicht auch einen Grundstein für die ein oder andere Existenz zu legen – wer weiß.

 

Am Abend mussten wir uns verabschieden und die Kinder sangen ein wunderbares Lied für uns. Ich umarmte meine kleine Herzensdame und als wir wieder auf dem Truck in der Dunkelheit mit unglaublichem Sternenhimmel auf dem Weg nach Hause waren, wusste ich das dieser Tag etwas in mir ausgelöst hatte, dass eine Veränderung bringen wird.

 

Der Besuch auf der Farm des children shelter hat mich geprägt und ab diesem Augenblick auch ein wenig mein Leben verändert. Denn mir wurde nicht nur bewusst, wie gesegnet ich mit meinem Schicksal bin, sondern das ich mein Glück auch teilen kann, indem ich den Kindern ein wunderbares Handwerk lerne.  

 

© 2017 | Lisa Maria Matzner

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