Der Besuch in den tribes

 

 

 

Da sitze ich nun. Der Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter und mein Blick zum Fenster hinausgewannt. Der feuerrote Sonnenball legt sich langsam zur Ruhe und taucht die gesamte Umgebung in ein warmes Licht. In versuche meine Gedanken zu ordnen, währenddessen ein kleines Mädchen friedvoll auf meiner Schoss schlummert. Sie ist eines der Kinder, dass heute nach ihrem 10 tägigen Aufenthalt bei deren Familien wieder zur children shelter foundation, deren zweitem zu Hause gebracht wird. Für mich war es heute mein erster Tag an dem ich wirklich realisieren konnte, welche Arbeit diese foundation eigentlich leistet. Als ob man eine Zeit lang an einem Fluss gewandert wäre, bis man schließlich ihre Quelle, den Ursprung einer Idee Kindern eine Zukunft zu bieten und somit auch deren Leben in den tribes und deren Familien zu verändern.

 

Wenn man in einem Sozialstaat wie Österreich aufwächst, werden automatisch jene Werte die man von erster Sekunde an kennen gelernt hat, zu einem persönlichen Standard einer Grundlage und man geht in seinem anfangs naiven denken auch davon aus, dass es vielen andren gleich ergeht. Aber nein, heute wurde mir wieder das Gegenteil bewusst. Ich versuche es bewusst auch nicht zu bewerten, dass das eine schlecht und das andere gut ist, nein mit Standard spreche ich auch nicht von einem Wohnluxus, sondern von den Möglichkeiten die ein Mensch hat sich weiterzuentwickeln. Wir sind alle in einem Wohlstand aufgewachsen, obwohl vielleicht auch die Hälfte unserer Spielzeuge, oder Garderobe ausgereicht hätte und wir vielleicht auch kein eigenes Kinderzimmer gebraucht hätten um glücklich zu werden, hatten wir doch eine Grundlage an Möglichkeiten.

 

Ich habe heute viele Kinder gesehen, die fröhlich und unbeschwert umherrennen, gefühlt zufrieden mit ihrem persönlichen Standard, den sie seit Geburt an kennen. Sie sind nicht zu sehr auf die eigenen Eltern bezogen, sondern wachsen mit den anderen Kindern des Dorfes auf und spielen miteinander und verbringen den Tag. Immer wieder ertappe ich mich zu vergleichen und lande immer wieder in der gleichen Saggasse, denn ich will euch unabhängig und unwertend von einer anderen Kultur berichten und euch anhand meiner Zeilen selbst die Möglichkeit bieten, euch eine eigene Meinung zu bilden.

 

Unser Tag begann heute bereits sehr früh, um genau zu sein machten wir uns um 6:30 auf den Weg nach Chiang Rai. Unser Plan war es die Kinder aus 2 verschiedenen tribes dem Akai und der Lahu abzuholen. Kurz zur Erklärung: Tribes sind Bergstämme von denen es im Norden Thailands 6 verschiedene gibt. Sie sprechen teils ihre eigene Sprache und arbeiten meist für den Anbau bzw die Ernte der Produkte die rund um ihre Gebiete wachsen. Die Menschen dort leben meist in sehr ärmlichen Verhältnissen und haben jedoch meist keine Möglichkeit diese Situation für sich und ihre Famliie zu ändern.

 

Der Weg war recht kurvig und steil und die Häuser wurden immer weniger bis wir schließlich fast ausschließlich nur mehr von Feldern und Hügeln umgeben waren. Anschließend hielten wir an einer Schule, wo Jarm nochmals eines der Kinder per Telefon kontaktierte, um uns zu den Hütten zu lotsen. Die Schule sah für mich recht modern aus, der Spielplatz vielleicht etwas länger nicht genutzt, aber dafür mit wundervollen bunten Farben bemalt. Beim Nachbarhaus sah man bereits, vor der Hütte Kaffeebohnen auf einer blauen Plane zum Trocknen ausgebreitet. Dieser Tribe ist auf Kaffee spezialisiert und somit wurde dieser Anblick der getrockneten Bohnen, wie zum Mussbestandteil einer jeden Hütte an der wir vorbeikamen.

Wir wurden in jedem Elternhaus herzlichst erwartet und durften eintreten und es wurden uns sofort Sessel oder Schämel herbeigetragen und ein Wasser samt Früchte serviert. Auch wenn unsere Wassergläser zur Sicherheit nur mit einem Höflichkeitsnippen zurückgelassen wurden, bedankten wir uns herzlich und Jarm, als auch Ulli begannen mit den Eltern zu sprechen. Denn solche Aufenthalte sind nicht nur dazu da, sich auszutauschen, sondern auch herauszufinden, was sich in einem Jahr geändert hatte und ob es noch weitere Kinder gäbe, die Hilfe brauchen könnten.

 

Da natürlich nur Thai gesprochen wurde, war es für mich meist hart etwas zu verstehen, somit konnte ich nur über Gestik und Mimik und der Handlung der Menschen auf gewisse Themen schließen. Die restlichen Sinne werden somit geschärft und man erlangt eine ganz andere, besondere Sichtweise der Dinge.

Die zweite Hütte die wir besuchten, wurden von einer Mutter mit ihren beiden kleinen Töchtern bewohnt, die bereits nach der ersten Sekunde mein Herz gestohlen hatte. Die Mutter hat ein schweres Schicksal, da ihr Mann, der Vater ihrer Kinder vor kurzem verstorben ist und sie sich jetzt alleine um die Kinder kümmern muss und sie somit wenig Möglichkeit hat am Feld Geld zu verdienen. Die Foundation hat ihr angeboten, die Kinder zu sich zu nehmen, doch dies würde ihr Herz nicht verkraften. Es war für mich unglaublich zu sehen, dass die Möglichkeiten dieser Frau sozusagen nicht vorhanden sind, denn wenn sie niemanden hat der auf ihre zwei entzückenden Mädchen aufpassen kann und keinen Mann der ihr Schutz für ihre Familie gibt, ist man in einem Bergdorf verloren. Sie würde gerne arbeiten, hat jedoch nur die Ernte des Kaffee´s als Option, diese sie aber ausschließen muss, da sich niemand um die Kinder kümmern kann.

 

Die Hütten sind sehr spärlich, aber sehr funktional eingerichtet und ein Fernseher ist das absolute Muss einer jeden Ausstattung das es dem Abendentertainment gilt. Gekocht wird auf einer offenen Feuerstelle direkt in der Hütte und dieses Dorf wurde in einen Hang gebaut und der Boden wurde mit Bambus ausgelegt. Als die Dorfbewohner noch mehrere Tiere hatten, hielt man diese meist direkt unter der Hütte und somit konnte man während dem Kochen alle Abfälle direkt durch die Ritzen des Bodens werfen und somit hatte man auch schon gleichzeitig die Fütterung der Tiere erledigt In keinem der Behausungen sind Betten auszufinden. Meist beschränkt sich der Standard auf eine dünne Matte.

Da es im Winter sehr kalt wird und meist ein rauer und starker Wind herrscht, kann ich mir persönlich ein Leben in diesen Hütten gar nicht vorstellen. Man hat absolut keine Möglichkeit die Wärme in einem Raum zu behalten und die Haltbarkeit der Wände stelle ich bei starken Windböen auch durchaus in Frage.

 

Das erste Utensil, dass ich für den heutigen Tag in meine Tasche packte, war meine Kamera, welche ich kein einziges Mal benutzt habe. Es kam mir so unvorstellbar respektlos vor, die Lebensweise dieser Menschen bis ins genaueste Detail zu dokumentieren und somit zur Schau zu stellen, wie sie leben. Ich fühlte mich nicht im Recht, solch persönliche Räumlichkeiten mit der gesamten Außenwelt zu teilen und beschränke mich somit auf meine Worte die ich für euch zu Sätzen schmücke.

 

Wie es das Schicksal so wollte, haben zu den bisherigen Students der Foundation, diesmal  auch zwei  weitere Kinder Platz in unserem Wagen genommen, auf den Weg in ein neues Leben, eine neue Zukunft.

Eines der beiden ist erst 3-4 Jahre alt und somit der erste Winzling in der children shelter foundation. Der Moment als dieser kleine Mann seiner Mutter einen Abschiedskuss gab und sich mit uns auf den Weg machte bewegte mich sehr. Ohne bewerten zu wollen warum es so war, war es für die Mutter ein Leichtes ihr Kind in die Obhut von jemanden anderen zu geben. Jetzt beginnt für den Burschen und seiner Schwester ein neues, anderes Leben in einem wunderbar familiären Umfeld wo Ihnen die Möglichkeit geboten wird, sich zu entwickeln, ihre Kindheit zu genießen und zur richtigen Zeit auch für ihre eigenständige Zukunft zu lernen, um selbst entscheiden zu können wir sie ihr Leben gestalten möchten.

 

Die Mädchen, die der kleine Neuzugang auch aus dem Dorf kennt, sind meist selbst erst zwischen 10-14 Jahre alt und haben sich rührend um den Kleinen gekümmert. Ich war beeindruckt, mit welcher Sicherheit sie mit dem Kind umgegangen sind und nach der Übersetzung von Jarm wurde mir bestätigt, dass sie bereits sehr früh, auf deren Geschwister als Mutterersatz Acht geben müssen. Sie bekommen Teils im Alter von 10 Jahren die Verantwortung für mehrere ihrer Geschwister und den gesamten Haushalt auferlegt und werden selbst auch mit Schlägen bestraft, wenn einen der Kinder etwas passiert. Somit wird Ihnen die Möglichkeit des Kindseins selbst geraubt und setzt sie unter einem enormen Druck, der sie innerhalb kürzester Zeit erwachsen werden lässt.

 

Nachdem wir von den Familien auch noch mit Früchten und wunderbarem Kaffee reich beschenkt wurden, geht es auf den Weg in den zweiten Tribe der Lahu. Dieser hat sich auf den Anbau und die Ernte von Korn (zur Tierfütterung verwendet) spezialisiert. Da das Land an dem sie ihr persönliches Gold (Korn) anbauen, auch nicht ewig eine Ernte erbringen kann, zählen sie zu einer der Nomaden der Tribes. Es ist in den Generationen der Familien keine Besonderheit, Orte zu verlassen und das Hab und Gut an einem anderen Ort zu bringen, um dort wieder erneut aufzubauen. Dieses Dorf ist weitaus ärmer und ich bin fast froh, dass es unser zweiter Halt war, da ich bereits eine Vorstellung hatte, was mich erwarten würde.

 

Hier gibt es auch eine Familie mit tauben Kindern und es gab für Jarm und Ulli auch ein Wiedersehen mit 2 Kindern, die bereits Erwachsen sind und nachdem Aufenthalt in der Foundation, wieder auf eigenen Wunsch in die tribes zurückgekehrt sind. Besonders behinderte Kinder haben es sehr schwer, da das Verständnis ihres Umfeldes meist nicht vorhanden ist. Sie können sich schwer verständigen und beginnen sich mit der Zeit in eine Paralellwelt zu flüchten, aus dieser man sie meist sehr schwer nur mehr zurückholen kann. Einer der beiden sieht etwas mager aus und man kann aus seiner Statur erkennen, dass er sehr hart am Feld arbeitet. Die Beiden sind Brüder und wurden bereits seit Kindheit an von ihrem Vater geschlagen. Dies prägt ihr Leben bis zum heutigen Tag und zwingt sie selbst dazu manche Konflikte mit dieser Sprache zu beantworten. Ich kann in Ullis Augen ein wenig Trauer entdecken, da die zwei Jungs diesen Weg hier gewählt haben, obwohl sie viel mehrere Möglichkeiten haben könnten. Somit bot sie Ihnen an, wieder einmal für 2 Wochen auf Besuch zur Foundation zu kommen.

 

Da finde ich mich mit meinen Gedanken nun wieder. Das Mädchen schlafend auf meinem Schoß und auch wenn ich selbst nicht mehr weiß wie ich sitzen soll, fühle ich mich so erfüllt und streiche ihr liebevoll eine Strähne aus ihrem Gesicht. All diese Erlebnisse, die ich heute machen durfte, bestätigen mich nur noch mehr in meiner Arbeit mit Herz mit Schere und lassen mich tiefsten Respekt vor der Arbeit von Ulli und ihrem Team haben.

 

Ich bin einfach nur überwältigt und dankbar, diesen Eintritt in eine neue Welt erleben zu dürfen und fühle mich nach diesem Tag, als hätte sich mein Horizont um einige weitere Grade erweitert. 

© 2017 | Lisa Maria Matzner

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